Echo. It’s just a temporary thing.

Echo. It’s just a temporary thing.

 

ZUM STÜCK

Alles was zu sehen ist, ist ein gestalteter Raum.
Ein Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen.
Zwei Personen.
Materialien wie Styropor und realistische Alltagsgegenstände,
die ich aus ihrem zugeordneten Zusammenhang herausnehme,
verändere und verschiebe.

EIN RAUM. NICHTS WEITER.
EIN HERD MIT EINEM TOPF.
WASSER UND REIS.

Alles was in diesem Raum zu sehen ist, steht in einem formalen und emotionalen Zusammenhang.

BESETZUNG

Künstlerische Leitung/Tanz: Riki von Falken // Tanz: Naim Syahrazad
Dramaturgie: Katja Kettner // Produktionsleitung: Tine Elbel
Video: Oscar Loeser // Licht- und Sounddesign: Ralf Grüneberg
Kostüm: Silvia Albarella // Bühne: Riki von Falken, Oscar Loeser, Katja Kettner
Grafik: Franziska Schwarz/schwarzplusgrafik PR k3 berlin

AUFFÜHRUNGEN

Premiere: 25.10.2012 um 20 Uhr // EDEN*****
Wiederaufnahme: 25.-27.6.2013 // Uferstudios Berlin / Studio 14 / Badstr. 41a – 13357 Berlin

KOOPERATION

Eine Produktion von Riki von Falken in Kooperation mit ASWARA (Malaysia), Dock 11, EDEN***** //
Unterstützt vom Hauptstadtkulturfonds, dem Goethe Institut und dem ITI


VIDEO


WEBSITE

Weitere Informationen zum Stück im Projektblog

PRESSE

Wenn der Raum bricht

Ein Duett für Riki von Falken und Naim Syahrazad

Riki von Falken ist längst zurück aus Kuala Lumpur. Doch der Eindruck war nachhaltig. Unter anderem hängt das damit zusammen, dass die Choreografin während ihres Arbeitsaufenthaltes dort eine Verbindung zwischen dem traditionellen malaysischen Tanz und den eigenen abstrakten Ansätzen entdeckte. Für ihr neues Stück „Echo. It’s just a temporary thing“ hat sie deshalb Naim Syahrazad nach Berlin eingeladen. Mit dem jungen malaysischen Tänzerchoreografen will sie die Verbindungen zwischen den Tanzstilen  erforschen, sie in einen zeitgenössischen Kontext stellen und ihr Verhältnis zum Raum neu verorten. Das Erdbeben in Neuseeland vor zwei Jahren habe nämlich ihr Empfinden im Raum neu geprägt, sagt sie. „Die Erfahrung, dass Raum brechen kann, hat meine Wahrnehmung ungeheuer geschärft. Als Kind dachte ich immer, dass sich Räume, wenn sie sich auflösen könnten, auch wieder neu zusammensetzen ließen.“ Mit Syahrazad trifft sie nun auf einen Partner, mit dem das vielleicht sogar möglich ist.

TanzraumBerlin

EINHEIT DES VERSCHIEDENEN

Ein Raum wie ein asiatisches Sushi-Restaurant. Auf dem Boden des EDEN*****, der Pankower Edel-Spielstätte des Dock 11, sind über 100 weiße Teller geometrisch penibel in Reihen angeordnet. Davor und dahinter liegt weiteres Geschirr malerisch verteilt. Auch der zur Hälfte schwarz und weiß ausgekleidete Raum zeigt auf hellem Grund im Großvideo das geschäftige Treiben in der Küche einer Gaststätte, dann Speisende auch. Zum Rattern eines Zuges treten sie gemeinsam vor das Video, Riki von Falken, die seit 1981 bereits mit Stücken in Berlin wirkt, und der junge Naim Syahrazad aus Malaysia. Kennengelernt haben sie einander bei mehreren Gastunterrichten in Kuala Lumpur und bemerkt, dass beider Auffassungen von Raum und Tanz so weit entfernt nicht sind. Als Folge gemeinsamen Wollens entstand das Duett „ECHO. It’s just a temporary thing“. Es verarbeitet, was jeder an ganz Eigenem einbringt, und addiert, was er vom anderen gelernt hat, gewissermaßen als Echo auf den Dialogpartner. Riki von Falken steht eher für die streng reduzierte, bisweilen spröde Bewegung als Konzentrat langer Recherche, Naim Syahrazad hat modernen Tanz studiert, aber auch traditionelle malaiische, indische und chinesische Techniken, beherrscht ebenso malaiische Kampfkunst. Eine spannende Begegnung.

 Sie beginnt mit einer Folge maschinell ruckhafter Bewegungen im Vorwärtsgang, bei der Armführungen besonderes Gewicht zufällt. Perfekt synchron läuft dieser Einstieg ab, wird oft wiederholt, jedes Mal mit kleinen Veränderungen, bis der Mann aussteigt und allein neu beginnt. Die Frau folgt ihm nach. So verschiebt sich der Tanz, differenzieren sich Persönlichkeiten. Kulinarische Köstlichkeiten präsentiert das Video verzehrbereit auf Tabletts und lenkt damit auf die live ausgelegten Teller hin. Während er vor ihnen sitzt und noch mehrere Reihen anbaut, fühlt sie sich zurückgeworfen auf ihr „altes“ Bewegungsmaterial: eine sparsame Beziehungssuche zum Raum im Ausfallschritt, ohne dabei aus sich herauszukommen, weil etwas sie jeweils stoppt. Dann kehrt sich die Situation um. Sie sitzt wartend, er tanzt geschmeidig und tastend trippelnd über die angestrahlte Tellerlandschaft wie über einen Geschicklichkeitsparcours, wippt Teller in der Hand, baut nochmals um und zerstört dabei die Ordnung, bahnt sich mit Tellern einen Weg zur Partnerin, die indes nicht reagiert. Für ein Miteinander scheint sie noch nicht bereit.Vielmehr verfällt sie sitzend in ein Solo der veränderten Lagen und Balancen, der Klappung, Torsion, Stürze ihres Oberkörpers. In diese eher europäische Bewegungsmetapher aber steigt er ein und nimmt so zu Gongklang ihr Echo auf. Fast tierhaft verdrehen und lenken sich beider Oberkörper aus, Motive tauchen auf. Als der Muezzin zum Gebet ruft, der Film Straßentreiben, weiße Türmchen, Architektur, Passanten, Palmen, Hochhäuser ablichtet, türmt auch der Tänzer seine Teller. Immer wieder entfernen sich die zwei Akteure voneinander, ziehen sich auf ihr nationales Bewegungsidiom zurück. Wenn sie Gemeinsames versuchen, etwa als Silhouetten den Tanz mit vogelhaften Krallenhänden, bleibt bei aller Gleichheit doch die Verschiedenheit erhalten. Nicht jede Szene erhellt sich, spiegelt choreografisch Riki von Falkens Erlebnisse in Malaysia und Neuseeland, von denen der Zuschauer ausgeschlossen bleibt.

 Was sich jedoch mitteilt, ist der Dialog zweier ebenbürtiger Künstler mit kulturell anderem Hintergrund und der Wille, respektvoll voneinander zu lernen. Auch sein kampfsportliches Spiel mit Tellern bringt der Mann ein, baut architektonische Gebilde aus ihnen. Wenn sie sich an seiner Art Tanz versucht, kommt auf liebenswerte Weise sogar Witz auf. Am Ende kehrt das Paar zum Gang des Anfangs zurück; freier, eigenständiger und raumgreifender ist er jetzt. Die Einheit liegt eben in der Verschiedenheit. Riki von Falken ist der Kontakt mit dem jungen Kollegen offensichtlich gut bekommen, gelöst und fröhlich wirkt sie, weniger versunken in die Suche bloß im eigenen Körper. Naim Syahrazad tanzt mit bestens trainiertem Körper so präzis und prägnant, dass man sich ihn fest in Berlin wünschte. Den Compagnien von Sasha Waltz oder Toula Limnaios stünde er gut zu Gesicht.

Tanzpresse, Veröffentlicht am 27.10.2012, Autor Volkmar Draeger in Kritiken 2012/2013