WHITE LINEN

 

Intensiv Katrin Bettina Müller

Allein dem Körper zu vertrauen und ohne Worte auszukommen ist für den Tanz ständige Herausforderung. Von der Sprache abgeschnitten zu sein und Verständigung nur noch über den Körper suchen zu müssen kann aber auch zur beängstigenden Erfahrung werden: in der Intensivstation des Krankenhauses, angeschlossen an Beatmungsmaschinen, verkabelt mit Infusionen.

Von dort kommt Riki von Falkens Stück "White Linen". In ihrem sechsten Soloabend beschreibt die Berliner Tänzerin einen langen Weg. Dabei erzählt sie ohne Pathos und dramatische Gesten, sondern mit einer sanften Energie, die immer wieder ins Stocken gerät. Weggleiten, hinabsinken, der Schwere und der Verführung der Tiefe nachgeben, sich nach Ruhe sehnen: Es ist das Fehlen der Dunkelheit und der Nacht, was diesen Ort der permanenten Beobachtung so schwer zu ertragen macht. Hände, die sich nicht verstehen und verpassen; Ellbogen, die Kopf und Brust abschotten; Fingerspitzen, die den wahrzunehmenden Raum wie die Innenwand eines Kokons nachzeichnen; Schritte, deren Wendekreis immer kleiner wird.

Dass man dem zwar atemlos, aber nicht mit großer Beklemmung folgt, liegt an der transparenten Konstruktion des Stücks: Seine Entstehung selbst bezeugt, wie die Wahrnehmung des Raums zurückkehrte und die Einsamkeit wieder verlassen werden konnte. Riki von Falken betritt die Bühne aus dem Zuschauerraum heraus; einen anderen Weg gibt es auch nicht heraus. Die Tageszeitung 18.03.2000

Schritte zur Endlichkeit

In der Berliner Tanzwelt ist ihr Weg einzigartig. In den 80er Jahren tanzte Riki von Falken in den besten Stücken der Tanzfabrik, in den 90ern trat sie als Solistin auf. Niemand sonst hat sich in der freien Szene einen so langen Atem bewahrt. Ein Porträt von Katrin Bettina Müller:

Das Stück erzählt nicht nur vom Versinken in großer Stille und von der Rettung daraus: Mit der Arbeit an "White Linen" ist die Choreografin tatsächlich aus einem Bereich der Sprachlosigkeit und der Tabuisierung aufgebrochen und hat zu einer ganz eigenen Kommunikation darüber gefunden.

... Anfang der Achtzigerjahre begann sie an der Tanzfabrik Berlin: Sie tanzte in Stücken von Jacalyn Carley, die zu Texten von Gertrude Stein die Syntax von alltäglichen Bewegungen zerlegte, und im Sportstück von Dieter Heitkamp, einer bösen und witzigen Abrechnung mit Fitnesswahn und der Fetischisierung des Körpers. ...

Riki von Falken pendelte zwischen Berlin und New York und lernte dort die Arbeit von Merce Cunningham und Trisha Brown kennen, das abstrakte und strukturalistische Spektrum des Modern Dance. Die Tanzfabrik, deren Mitglieder auf allen möglichen Laufbahnen gestartet waren, bot ihr den Einstieg in die freie Arbeit. ...

Als sich von Falken Ende der Achtzigerjahre von der Tanzfabrik zurückzog, wurde die Skulptur ihr Leitstern auf dem Weg der Auseinandersetzung mit dem Raum und der Architektur. ...

Sechs Solos entstanden zwischen 1990 und 1996, in denen sie ihre eigene klare, konstruktive Formsprache fand und fragile Strukturen entwickelte. Fern der Tendenz der Neunzigerjahre, den Körper aufs Spiel zu setzen und zu immer größerer Intimität vorzudringen, betonten ihre Stücke die Endlichkeit der Ressource Leben ... Die Tageszeitung 09.04.2001

Riki von Falken am Theater am Halleschen Ufer Franz Anton Cramer

... In einem ergreifenden Stück über Unruhe, Warten und das Ringen um Hoffnung verarbeitete die Tänzerin Erfahrungen mit Leben und Tod

Der Bühnenboden ist fahl weiß, die Wände sind schwarz ausgeschlagen und wie abgedichtet: eine beklemmende Situation. Riki von Falken lässt den Blick schweifen und streckt die Gliedmaßen von sich. Ihre Statur wirkt zerbrechlich; dieser Eindruck steigert sich noch in diesem Arrangement aus trübem Licht und Bewegungen, die zu groß für sie scheinen. Das Posenhafte der Tänzerin provoziert den Betrachter zu einem unerbittlichen Blick: je weniger Bewegung, desto genauer nimmt man alle Nuancen wahr. Zwischendurch gellt Musik auf und wird das Licht grell und blendend.

Von Falken wirkt schmaler und schmaler. Schon zittern ihre Hände wie Laub im Wind. Als würden sie ein Geheimnis bergen, legt sie sie immer wieder aufeinander, lässt sie auffliegen, sich an ihren Körper schmiegen. Doch wird dieses Geheimnis sich niemals mitteilen. Die Innerlichkeit von „White Linen“ ist radikal. Man darf und soll betrachten, offenbart wird nichts.

... Kein Zweifel, „White Linen“ ist ein sehr persönliches Stück, das von innerer Dringlichkeit zeugt, ohne das Formale zu verraten. Kompositorisch und vor allem darstellerisch ist es, trotz mancher Zumutungen im Detail, ein großer Erfolg. Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.03.2000

Österliche Verhaltenheit Franz Anton Cramer

Riki von Falken und ihr bewegendes Solo "White Linen" im Theater am Halleschen Ufer

... Riki von Falkens Solo-Tanzstück „White Linen“, uraufgeführt vor über einem Jahr, verarbeitet auf ganz bildferne Weise dramatische persönliche Erfahrungen während eines langen Krankenhausaufenthaltes. Das Werk spricht von der Nähe des Todes und dem Ringen um Hoffnung, von entrückter Berührung und irdischem Beharren.
In einem fahl ausgeleuchteten schwarzen Kabinett von ebenso irritierender Weitläufigkeit wie auswegloser Beklemmung steht von Falken in beigefarbenem ärmellosen Kittel auf weißen Boden. Ihre Statur wirkt zerbrechlich, doch ist die Tänzerin von überaus wacher Präsenz. Sie beginnt in behutsamen, fast statischen, geometrisch ausgerichteten Körperhaltungen. Allmählich erst durchmisst sie den Raum, in gravitätischen, bisweilen strauchelnden, meist aber geradlinigen und entschlossenen Diagonalen und mutigen Spiralfiguren.

Oft wirken die bergenden und schützenden Bewegungen zu groß, oft auch sind sie wie versunken, schmiegen sich an den eigenen Leib oder verharren in konzentrierter Selbstbelauschung. Aber immer bricht, gleichsam wie während der Nacht am Ölberg, diese existentielle Verlassenheit wieder auf; dann gellen unerbittlich wilde und klangvolle Kompositionen für Streichorchester von Pärt, Górecki und Leifs wie eine Stimme der Wirklichkeit, und von Falken arbeitet erneut ihr Repertorium der Hoffnung durch. Unerschüttert und doch stets ergriffen, bedrängt von Kräften, denen sie doch widersagt, steht die Solistin bisweilen einfach mit flatternden Händen da als taste sie nach unmöglich gewordener Berührung. Dann wieder reckt sie entschlossen den Arm hoch empor, als gebe sie ein Fanal, dessen Nachhall im Niedersinken vergeht.

„White Linen“ ist kein tänzerisches Lesestück über den Umgang mit der Nähe des Todes und der Liebe des Leidenden. Es ist aber auch keine wohlfeile lyrizistische Vignette. „White Linen“ ist eine durchgeistigte, konzise und kompositorisch stupend durchmodellierte Auseinandersetzung mit letzten Dingen. Niemals larmoyant oder aufdringlich, weder illustrativ noch dunkel, kommen in diesem großen Solo Dinge zur Darstellung über die gerade zu Ostern nachzudenken ist. Von Falken aber sucht keinen Auferstehungsdiskurs mehr; sie hat einen rettenden Bewegungsduktus schon gefunden. Aus diesem teilt sich – im Tanzgeschehen selten geworden – eine innere Notwendigkeit mit, für die es wahrlich keiner Worte bedarf noch auch nur gäbe. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.04.2001

Persönlich, nicht privatistisch Michaela Schlagenwerth

Riki von Falken beschließt das SoloDuo-Festival am Theater am Halleschen Ufer

Einhundertundachtzig Tage verbrachte die Tänzerin und Choreografin Riki von Falken auf der Station eines Krankenhauses, um ihren schwer erkrankten Lebensgefährten zu pflegen. Von diesen einhundertundachtzig Tagen, von der ständigen Überwachung durch Maschinen und Personal, vom permanent hell erleuchteten Raum, vom still liegenden Körper des Erkrankten, handelt ihr neues Solostück „White Linen“. Es ist der Versuch, nicht nur von einer Kommunikation jenseits der Worte, sondern auch jenseits eines gefestigten Lebensgefühls zu berichten. Von einer Kommunikation, die nur über den Körper stattfindet und der die Sphären von Leben und Tod, von Wachsein, Schlafen und Bewusstlosigkeit durcheinander bringt. „White Linen“ ist ein unerhört persönliches Stück. Vor unseren Augen legt die Tänzerin schwach und empfindlich ihren Körper bloß.

Riki von Falken arbeitet viel mit geometrischen Figuren, so radikal persönlich das Stück auch ist, alles Privatistische ist ihm fremd. Es geht um Diagonalen und Geraden, die in den Raum gezeichnet werden, mit einer Klarheit und Entschiedenheit und doch zugleich einer Fragilität, die die Bewegung schon im Moment der Ausführung als etwas frei Schwebendes, Gefährdetes erscheinen lässt. Manchmal hebt die Tänzerin ihren Arm und lässt ihre Hand wie ein zitterndes, unbestimmt hin-und herschwingendes Blatt Richtung Boden sinken. Es gibt Bewegungen, die in ihrer ständigen Wiederholung zum Ritual zu erstarren drohen, andere, die immer kleiner und kleiner werden, auf einen Nullpunkt zulaufen und dann doch einen Durchgang in ein Anderes finden. „White Linen“ ist eine Bewegungs-Meditation über den Schmerz und manchmal der Beschwörungsgesang einer Lebenden an einen Sterbenden, doch wieder ins Leben zurückzukehren. Das Stück lebt von seiner bestürzenden Wahrhaftigkeit und von der zuweilen surrealen Form, dieser flirrenden Unwirklichkeit einer überbeanspruchten Wahrnehmung; von einer Entrückung, der von Falken ... eine Form verleiht.

Riki von Falken arbeitet seit 1981 als Tänzerin und Choreografin in Berlin und war lange Zeit fest in die Berliner Tanzfabrik eingebunden. 1990 zeigte sie ihre erste Soloarbeit und als Solotänzerin hat sie sich mittlerweile einen Namen gemacht. Die Stücke kommen zögerlich, mit einem oder zwei Jahren Abstand, und zeigen sich meist den konzeptionellen Ansätzen der bildenden Kunst verwandt, befragen das Verhältnis zwischen Körper und Raum. „White Linen“ hebt sich davon zweifelsohne ab, es ist der Bericht über eine einzigartige Erfahrung und zweifelsohne Riki von Falkens bestes Stück. ... Berliner Zeitung 21.03.2000

Geometrie der Gefühle Hartmut Regitz

Solistisch in Berlin: Riki von Falken in „White Linen“

Dieser Raum gibt niemandem Schutz. Und doch setzt sich ihm Riki von Falken aus, ohne sich vor ihrer Gefährdung zu fürchten. Vor dem Schwarz der Wände kann sich kein Körper verstecken. Und auf dem Weiß des Bodens, der nicht umsonst an ein weißes Laken erinnert, kommt jede Bewegtheit sofort zum Vorschein. Was klein ist, wirkt hier groß, und jede Geste gewinnt, gewollt oder ungewollt, eine Bedeutung, die sich vor dem Betrachter zu rechtfertigen hat.

Vielleicht geht Riki von Falken ihr sechstes Solo deshalb so still an. Wie nebenbei betritt sie die Berliner Bühne. Sie muss sich ihrer Glieder vergewissern, muss den Aktionsradius ihrer Beine, muss die Geometrie ihrer Gefühle erst erkunden, bevor sie sich ihnen gänzlich überlässt. Ihr Blick reicht weit; fast könnte man meinen, als hielten ihre Arme das Gegenüber, von dem im publizierten Krankheitsbericht die Rede ist. Und doch bleibt sie allein auf der von Roland Brinker erleuchteten Station, allein, selbst wenn sich ihr Arm immer wieder von hinten über den Kopf an die Stirne schmiegt. Und während das Licht zwischendurch immer wieder erkaltet, während ihr Leib erstarrt und wie bei einem Baum die Blätter fallen, spürt man in „White Linen“ auf einmal die Nähe des Todes, gegen den Riki von Falken tanzend aufbegehrt: Indem sie ihr Innerstes nach außen kehrt, ohne sich dabei jemals zu veräußern, indem sie ihrem Schmerz eine unbeschönigte, fast schon wieder spröde Form gibt, indem sie auf eher unbequeme Streichquartette von Crumb, Górecki, Volans und anderen zurückgreift und bei allem eine Ehrlichkeit wagt, die selten geworden ist – nicht nur im Theater am Halleschen Ufer. ballett tanz 7/2000