THE GEOMETRY OF SEPARATION Presse

An der unsichtbaren Grenze zum Außen Katrin Bettina Müller

Minimalistisch und subjektiv: "The Geometry of Separation" von Riki von Falken und Mareike Engelhardt im Radialsystem

Dieser Körper hält an sich. Sie macht sich schmal, nimmt die kurzen, geraden Wege, hält die Arme eng an den Rippen. So betritt Riki von Falken in "The Geometry of Separation" das Bild, mit einer zusammengeschnürten, dichtgepressten Energie. Um dann mit spitzen und kurzen Bewegungen, klar und aufgeräumt, ökonomisch und präzise, ihre Position zu behaupten.

Hände schnellen vor und nehmen sich zurück, Arme stoßen hoch und sinken herab, kreuzen sich gerade vor dem Körper. Der Saum des blauen Rocks dehnt sich, wenn sie sich mit einem weiten Schritt schräg in die Kurve legt und zu einer Figur aus Rechtecken und anderen Parallelogrammen wird.
Nicht nur der Titel, den Riki von Falken und die Filmkünstlerin Mareike Engelhardt ihrem gemeinsamen Stück "The Geometry of Separation" gaben, betont die Bedeutung der Geometrie für die Komposition der Bewegung im Raum. Die Aufteilung der Flächen, das Denken in grafischen Linien, das Raumbilden zwischen den Elementen, es steckt in jedem Detail der Bewegungen auf der Bühne und im Film, im Bühnenbild und in den Projektionsflächen. Die werden aus Quadern gebildet, die von der Tänzerin umgebaut werden können. Die geschlossene Bildfläche bricht damit auf zu einer mehrdimensionalen Collage. Diese Fragmentierung potenziert, was in den Filmbildern geschieht. In ihnen tritt eine zweite, jüngere Frau auf, in ihrer eigenen Wohnung. Sie steht morgens auf und findet sich in keinem ihrer Kleidungsstücke zu Hause. Sie betastet ihr Geschirr, als müssten die Dinge des Alltags ihr zu erkennen geben, wer sie eigentlich ist. Aus winzigen, alltäglichen Bewegungen macht der Film von Mareike Engelhardt mit vielen Schnitten und Großaufnahmen eine dramatische, emotional aufgeladene Situation, die sich zur Verzweiflung und Ausweglosigkeit steigert. Die Unruhe der jungen Frau (Friederike Plafki) korrespondiert mit der Unruhe der Tänzerin auf der Bühne. Sie könnten die Verkörperung einer Figur zu unterschiedlichen Zeiten sein. Beide sind an unsichtbare Grenzen gekommen. Was sie verbindet, ist das Gefühl, von ihrer Umgebung abgeschnitten zu sein.
Eine Klanglandschaft aus Geräuschen und minimalistischen Instrumentalstrecken steigert das Gefühl der Spannung, die sich in diesem Solo mehr und mehr aufbaut. In keiner der beiden Welten der Bühne und der Wohnung, dem öffentlichen und dem privaten Raum, kann die Frage nach der eigenen Identität schließlich allein entschieden werden. So ist "The Geometry of Separation" zwar wieder, wie die vorhergehenden Stücke von Falkens, aus einer biografischen Skizze entstanden. Das Thema aber, die Fremdheit im eigenen Leben, das Zurückgeworfenwerden auf sich selbst, ist mehr als eine Nabelschau: Es betrifft jede Identität, die nicht in einem marktkonformen Zuschnitt aufgeht.
taz, 30./31. Mai/1. Juni 2009

 

tanz, Mai 2010

Riki von Falken „The Geometry of Separation“

Es gibt Worte, denen im Lauf der Zeit ihre Entsprechung in der Realität abhanden kommen. Der Begriff „Aura“ ist so einer. Wer benutzt ihn noch? Dabei trifft er auf eine Tänzerin weiterhin zu: Riki von Falken, 56 Jahre alt. In ihrer jüngsten Produktion „The Geometry of Separation“ zeigt sie erneut, was in strenger Konzentration auf die eigenen Interessen und im charakterbedingten Widerstand gegen jede Anbiederung an den Zeitgeist entstehen kann: tatsächlich eine auratische Ausstrahlung, an der sich der Blick des Betrachters festsaugt.
Die zwischen die Solotanzpassagen eingeblendeten Videosequenzen von Mareike Engelhardt wirken wie eine Pause vom Sog des Tanzes. Im Video erscheint Friederike Plafki als jüngeres Alter Ego der Tänzerin auf der Bühne. Die Doppelung der realen und virtuellen Frau liegt dem Stück ebenso zugrunde wie Alt und Jung, die Angst vor dem Ausschluss, auch die Angst vor der Trennung und dem Eingeschlossensein – eingeschlossen, wie in den Filmsequenzen, in eine Zimmer oder, wie auf der Bühne, in den Körper.

Riki von Falken baut immer neue Konstellationen aus weißen Styroporkuben und vermisst den Bühnenraum mit einem blauen Seil – doch vor ihrem Tanz gerinnt das alles zur Nebensache. Schmal und zart erscheint die reife Tänzerin, in weißer, leicht gerüschter Bluse und blauem Flatterrock. Die Oberarme schmiegt sie über weite Strecken eng an den Körper, der Unterarm schwingt aus, dann der andere, der Kopf vollzieht eine kaum wahrnehmbare Achteldreh8ng, eine Schulter rollt.

Redundanzen, aber auch Variationen und Steigerungen einzelner Sequennzen gehören zur Magie der Riki von Falken. Gerade und klar schwingen ihre Arme, erheben sich nach oben und falleen weich. Ein Fuß schert im Stand nach hinten aus, eine minimale Drehung des Oberkörpers, der Arm folgt. Keineswegs maschinell erscheinen die Bewegungen, die anfangs von Vogelzwitschern, zunehmend aber von Industriesound begleitet werden.
Die Miteinander von organischer Weichheit und strenger Durchführung ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit: von allerfeinsten Verschiebungen und Zieselierungen des Körpers, manchmal nur eines Atemhauchs, bis zu Bewegungen, die so präzise und scharf erscheinen, als wollte die Tänzerin das Nichts erdolchen. Ihre spezifische Qualität nährt sich aus der Überzeugung, dass Emotionalität in Abstraktion gegossen und dadurch gesteigert werden kann. Durch diese sorgfältige Bindung des Gefühls an und din die akkurate Formstrenge gewinnt Riki von Falkens Kunst auratische Intensität.
Elisabeth Nehring

 

Tanzjournal, April 2009

DIE GEOMETRIE DER TRENNUNG wurde in Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Mareike Engelhardt entwickelt. Das Radialsystem V in Berlin ist gut gerüstet - als funktionaler Raum mit einem großen Bühnenraum und verschlossenen Türen hermetisch genug – die beiden Medien poetisch miteinander zu verweben – Solo-Tanz und Film.

Während die Tänzerin zart ihren Weg in die Zukunft beschreitet, verfolgt sie entschlossen mit zunehmender Intensität das Geometrisieren des Körpers. Dieses Mal umhüllt sie ihre langen, klaren Linien, ihre Handschrift, mit weißen Würfeln und blauen Seilen, welche sie ständig verlegt, um die Strategie ihres eingeschlagenen Kurses umzuleiten. Mit zirkelenden Schritten, Achter-Drehungen eines sich auswringenden Torsos, die Arme wirft sie dicht am Körper, buchstabiert einen Morse-Code, dem wohl die höhere Mathematik der inneren Begrenztheit bewusst ist. Wie in einem Uhrwerk sind Präzision und Ordnung die codierenden Kräfte. Ein Rädchen greift in das nächste. Rigoros verteidigt sie ihr Terrain, eingehüllt in eine Klanglandschaft, die sie näher an die nächtlichen Rufe einer Eule bringt.

In einem parallelen Film-Universum sehen wir eine junge Tänzerin. Der Wechsel zwischen Tisch, Bett, Schrank und Badewanne scheint es Friederike Plafki unmöglich, ihre eigene Haut abzustreifen, um ihr neues Shirt anzulegenen. Als sie ihre Hand ausstreckt, flieht die Teetasse vor ihr, wie in einem Alptraum von Luis Buñuel. Ihre virtuelle Heimat ist eng, bedrückend und gefilmt in extremer Nähe. Die reale Tänzerin - gejagt von Zwangshandlungen – ordnet die die Styropor-Blöcke neu, die als Projektionsfläche für den Psycho-Thriller bespielt sind. Sie fügt mehr hinzu, dekonstruiert sie wieder. Ein Schwarzes Loch entsteht, welches eine faszinierende dritte Dimension im Film kreiert. Die hoch begabte Tänzerin Plafi trat auch in von Falkens vorheriger Produktion im Jahr 2005 als ihr Zwilling in Erscheinung. Nun gibt es keine körperliche Begegnung irgendeiner Art. Das surreale Film Alter-Ego verschwindet durch die Badezimmer-Fenster über das Dach in den Nachthimmel. Im rohen Hier und Jetzt der ausladenden Bühne, verläuft die Zeit für die Frau aus Fleisch und Blut nicht mehr linear, sie zerdehnt sich horizontal und in Kreisen nach außen. Die Klaustrophobie der Erzählung ist vorbei. Als sie zu Boden fällt und aus ihrer stilistischen Struktur ausbricht, wird klar, dass sie das Wesen des jüngeren Selbst in sich trägt, es benutzt, um Stärke zu gewinnen.

Von Falken trotzt anhaltend der Schnelllebigkeit des Tanz-Geschäfts. Sie nimmt sich die Zeit, die sie braucht, geht tiefer und befördert die Verfeinerung ihrer Kunst, Jahr für Jahr. Ihre faszinierende Trilogie (entstanden zwischen 2000 und 2003) über Krankheit, Verlust und Tod sind ein Beweis dafür. Heute distanziert sich ihr Tanz von persönlichen Belangen. Sie erhebt sich, um die Herausforderung der unerbittlich fortschreitenden Zeit und der Isolation, der Menschen und Tänzer vermehrt ausgesetzt sind, zu erkennen. Mutig stellt sie sich der ungewissen Zukunft. Die geometrische Struktur des Stückes hält das Chaos polyphon in Schach - bis an die Nerven gehender Maschinenklang die Tänzerin schluckt. Irene Sieben

 

Veröffentlichung: tanzraum Berlin 5-6/2010

künstlerstimmen

„The Geometry of Separation“ entstand bereits im vergangenen Jahr. Für einen dreimonatigen Arbeitsaufenthalt war Riki von Falken darauf hin in Malaysia. Mit tanzraumberlin sprach sie über Entstehung und Weiterentwicklung der Choreografie.

Gespräch: Elisabeth Wellershaus

Was war ausschlaggebend für die Entstehung von „The Geometry of Separation“, was hat Sie inspiriert?

Ich hatte den Eindruck, dass ich mich mit meiner Arbeit und meiner Lebensweise irgendwie an den Rand, an die Peripherie gebracht hatte. Von hier aus fing ich an, über einen Performanceraum nachzudenken, der in seiner architektonischen Struktur eine extreme Auswirkung auf mich ausüben sollte. Tatsachlich fand ich einen Raum mit hohen Betonwanden, in dem ich von verschiedenen Ebenen in den Raum blicken konnte und der dieses Gefühl von Eingeschlossensein vermittelte. Dort probierte ich mit sehr sparsam eingesetzten Seilen, Linien durch den Raum zu ziehen. Es entstanden viele neue Raumkonstruktionen, in denen ich mich organisieren konnte. Ich habe mich über einen langen Zeitraum diesem Raum ausgesetzt.

Wie nahm das Stück dann Gestalt an?

Eine neue Herausforderung kam hinzu. Ich lernte die Filmemacherin Mareike Engelhard kennen, und wir arbeiteten an einer Geschichte, die eine Frau in verschiedenen Lebensphasen als Außenseiterin beschreibt. Wir wollten eine zweite Frau als mein Alter Ego im Film inszenieren, die sich in realen und gleichzeitig surrealen Raumen organisieren muss – in einem Schlafzimmer, einer Küche, einem Badezimmer und auf dem Dach.

Wie viel von diesen Räumen ist im Stück zu

sehen?

Die Stimmungen der surrealen Raume entstanden in meiner unmittelbaren Umgebung. Ich beobachtete mich dabei, wie ich an einem Küchentisch sitzend versuchte, eine Kaffeetasse zu greifen. Ich griff daneben. Ein seltsames Gefühl, meine Wahrnehmung verschob sich. Für einen Moment war ich in meiner Gewohnheit, etwas zu greifen, dabei eine Empfindung zu haben und eine Zuordnung zu machen, unterbrochen. Ich hatte einen kurzen ‚Realitätsverlust. Mein Körper zeigte eine Reaktion auf diese Verschiebung, die für mich die Grundlage bildete, ihn mit dieser ‚Unsicherheit‘ neu zu definieren. So sammelte ich auch Eindrucke im Badezimmer, als ich in der Wanne sitzend Details von meinem Körper zufällig in einem Spiegel sah. Ich nahm meinen Körper über die Detailansicht völlig verändert wahr. Es war wie eine Montage: Das Körperteil, das ich im Spiegel sah, hatte nichts mit der Wahrnehmung meines Körpers zu tun. So entstanden vier verschiedene Raume, in denen die Person im Film mit einem Gefühl des Ausgegrenztseins, lebte. Mein Tanz auf der Bühne sollte in enger Interaktion zum Film stattfinden. Um also den Film in meine Aktionen auf der Bühne zu integrieren, baute ich einen zerlegbaren Kubus aus Styropor. Mit der Videoinstallation auf diesem Styroporklotz konstruierte ich dann meinen eigenen abstrakten Raum auf der Bühne.

Hat sich „The Geometry of Separation“ seit dem vergangenen Jahr verändert – vielleicht auch durch Ihren Aufenthalt in Asien?

„The Geometry of Separation“ wird nie das bleiben, was es war. Es wird sich mit meinen Erfahrungen verändern. Von Mal zu Mal. Meine Arbeit in Malaysia wird sehr viel dazu beitragen. Der Kontakt mit der Kultur und den Menschen – vor allem den Tänzern dort – hat mich tief berührt. Ihre Energie hat ihren Bewegungen eine ungeheure Scharfe verliehen. Das allein wird sich in meinen Körper einschreiben. Hinzu kommt, dass ich mit großem Genuss den Studenten zugeschaut habe. Die traditionellen Formen des malaysischen, indischen und chinesischen Tanzes und der Kampfsport Silat haben mich ebenso fasziniert wie das Bewegungsmaterial, das sie in meinem Unterricht entwickelten.

Was bedeutet das Stück Ihnen ein Jahr später?

Es wird mir immer wichtiger, natürlich auch im Hinblick auf meine Zeit in Kuala Lumpur. Denn hier habe ich mich in einem völlig neuen Raum wahrgenommen. Ich bin selbst gespannt, wie sich meine außergewöhnlichen Begegnungen mit den Menschen in Malaysia in „The Geometry of Separation“ widerspiegeln werden.