WACH

Herzschlag der Kunst Katrin Bettina Müller

Riki von Falken beschreibt in "Wach" die Überwindung der Angst

... Schon in ihrem letzten Solo"'White Linen" hatte von Falken begonnen, Erfahrungen im Umgang mit Krankheit und Verlassenheit zu bearbeiten. Nach der Isolation, in die sie die langen Besuche auf der Intensivstation gebracht hatten, wo Maschinen den Lebensrhythmus bestimmten, fühlte sie sich selbst wie abgeschaltet. 'White Linen' beschrieb das Wegschmelzen der äußeren Realität, die Verengung des Horizontes und ein Versinken in großer Stille; aber auch Rettung aus dieser Isolation, die Rückkehr in die Zeit. Die Annäherung an das Leere und das Nichts verwandelte sich in aufgeladene Wachheit.

Die Bewegungssprache beeindruckte durch ihre Klarheit und Einfachheit. Nie wirkte das Stück privat, illustrativ oder pathetisch. 'White Linen" brachte Riki von Falken große Anerkennung ein. Die Genauigkeit, mit der die 46-jährige Choreografin arbeitet, ist das Ergebnis eines langen Weges. 1981 stieß sie zur Tanzfabrik Berlin in einer Zeit, als sich der Tanz neue Themen und Kompetenzen eroberte und zum Spezialisten für die Befragung von Geschlechterrollen und Einübung für Sozialverhalten wurde.

Aus all diesen Kontexten löste sich die Tänzerin Anfang der neunziger Jahre; in einer Serie von Solos begann sie, Bewegungen auf ihre Notwendigkeit hin zu befragen. Ihre Auseinandersetzung mit der Architektur und der Gestaltung von Raum nahm etwas Grundsätzliches an. Manchmal fühlte man sich in diesen schönen Stücken abgeschnitten vom Alltag und seiner bedenkenlosen Verschwendung der Ressourcen Raum, Energie und Zeit. Doch seit 'White Linen' trägt dieser Purismus neue Früchte. Riki von Falken ist radikaler und offener geworden. Sie ist ihrem Publikum näher gekommen. Zwanzig Jahre auf der Bühne verleihen ihren Stücken einen Resonanzraum, der nicht oft in dieser flüchtigen Kunst erlebt werden kann.
Der Tagesspiegel, Spielzeit 12.01


Erwacht aus dem Traum Brigitte Heilmann

... Riki von Falken späht ... seit ihrem letzten Stück "White Linen" nicht nach außen, sondern horcht nur in sich hinein. Ihre Kunst gewinnt so immer mehr an Raum und Tiefe. Wie ein gejagtes Tier hetzt sie über die Bühne. Ihr Kopf ist schwer, sie muss ihn stützen, halten, zwischen die Arme fassen. Im raumgreifenden Suivi macht sie sich auf einen langen Weg, um nach schwerem Traum wieder "wach“ zu werden. Riki von Falkens Tanz erzählt vom Verlorensein, von Abgründen und einem gewissen Aufbruch – vom gelebten Leben, und ist deshalb so beeindruckend.
Die Welt 12.12.2001


Diagonal, zickzack, gerade Wiebke Hüster

Tanz: Riki von Falken begeistert mit neuem Soloprogramm

Das Publikum ist noch dabei, Platz zu nehmen, da kommt eine Frau über die Bühne gelaufen. Aus der unbeleuchteten, schwarzen Tiefe erscheint sie auf der Diagonalen ...
Gehetzt, verwundert, erschrocken, fast ein wenig verwirrt blickt Riki von Falken in den Zuschauerraum. Dann wendet sie sich um und schreitet ruhig den Weg ins hintere rechte Eck der Bühne wieder zurück. Kurz bevor sie sich abwendet, sieht sie aus, als wolle sie etwas sagen. Wenn sie Schuhe anhätte, würde man sie während dieses Prologs noch für eine Schauspielerin halten. Einige Male läuft die Tänzerin auf diese Weise in den Abend hinein. Unmittelbar darauf entwickelt sie eine andere Variante davon, sich vorzutasten und gleich wieder auszuweichen. .
... Das ist typisch für von Falken. Diagonale, zickzackiges Chaos, klares Geradeaus, Kreis: Das sind die Raumwege, entlang derer sich ihr Tanz bewegt. Sie geht, sie läuft, sie dreht ... Jede Geste aus früheren Choreographien indes, die von Falken bestehen ließ, wirkt in diesem Tanz anders, frisch, ruhiger, überlegter ... Stets leuchten ihre Bewegungen ein, ob sie nun ihr Gesicht in die Hände legt oder sich beim Tanzen energisch über den Mund wischt. Aber was für seltsame Gesten in einem Tanz! Von Falken führt sie mit der größten Selbstverständlichkeit. Sie tut sehr einfache Dinge sehr langsam, aber sehr interessant. ... Diese Sorgfalt ... greift über: ... Brinker nämlich leuchtet, als könne er einzelne Lichtkreise, Diagonalen oder senkrechte Duschen einfach so hinwerfen und niemand dann so recht wissen, von wo da oben er es herholt. Für seine Tänzerin, die sich am Ende zu Philipp Glass` Musik dreht und dreht, findet er denn auch den passenden Schluss: er lässt es im Zuschauerraum wieder hell werden und die Bühne ganz im Schwarzen versinken.
Frankfurter Allgemeine 08.12.2001