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ONE MORE THAN ONE Presse

 

Riki von Falken in „One more than one“

Pulsierende Tanzperformance am DSTT

Mittwoch, 11. Februar 2015

Riki von Falken in „One more than one“

Foto: Zoltán Pázmány

Das Gesicht blieb weitgehend ausdruckslos, um den Körper sprechen zu lassen: durch die geometrischen, wiederholten Bewegungen scheint die Person an Fäden zu hängen, als ob das Schicksal sie darin gefangen hielte, dann wiederum befreit sich die schmale Figur aus diesem Spinnengewebe und tastet sich ab, wie um sich zu vergewissern, dass sie noch da ist, dass das Leben weitergeht. Immer wieder greift die Solistin auch nach dem Herz, es schlägt, es schlägt, es schlägt…

 

In einer Show, die von Solistin und Publikum absolute Konzentration abverlangte, hielt die Berliner Tänzerin Riki von Falken das Temeswarer Publikum am vergangenen Dienstag gebannt auf den Stühlen des Deutschen Staatstheaters.

Die Mimik blieb sparsam, nur die großen Augen standen weit geöffnet, staunend fast, in Kontakt mit dem Publikum oder in Kontakt mit den Händen.

Die minimale Bühnenausstattung – nur ein weißer Laken bedeckte den Fußboden und den Hintergrund – ließ die Blicke der Zuschauer nicht auf sich gleiten, nur die Bewegung stand im Vordergrund.

Nichts sollte von der Körpersprache ablenken: minimalistisch war auch die hämmernde Musik mit repetitiven Strukturen von Steve Reich, dazu kamen musikalische Fragmente von Heiner Goebbels und Beat Furrer. Alles war nur ein Begleiter der Körperbewegungen.

 

Verarbeitung eigener Erfahrungen

 

Für Riki von Falken stellt die 2003 entstandene Tanzperformance „One more than one“ den Abschluss einer Trilogie dar, die mit „White Linen“ und „Wach“ begann. Die Trilogie, die deutschlandweit stark gefeiert wurde, ist aus persönlichen tragischen Erfahrungen, in der Konfrontation und in dem Umgang mit Leben, Verlassenheit und Tod, hervorgegangen.

In ihrer Beziehung zum Bildhauer Günter Anlauf in den neunziger Jahren erlebte die Künstlerin eine schwere Zeit, als der Partner erkrankte und sie monatelang im Krankenhaus neben dem Bett des Komapatienten verbrachte. Diese Erfahrungen bildeten einen großen Einschnitt in ihrem Leben. Damit veränderte sich auch, wie die Künstlerin mit ihrem Körper kommunizieren und was sie mitteilen wollte.

Riki von Falken, Solistin, Choreografin und graduierte Sozialpädagogin, hat sich bei namhaften Tänzern wie Merce Cunningham, Jennifer Muller, Trisha Brown und Stephen Petronio weitergebildet und beherrscht körperorientierte pädagogische Verfahren wie Feldenkrais, Eutonie und Alexandertechnik. Die Solistin ist Dozentin für Modern Dance und hat neben Deutschland auch in Malaysia unterrichtet.

Die Vorstellung, zu der das Deutsche Kulturzentrum Temeswar eingeladen hatte, stellte für das hiesige Publikum eine Neuheit dar.

In der auf der DSTT-Bühne dargebotenen Performance begibt sich die Choreografin und Tänzerin auf die Suche nach der Gestalt von Erinnerung. Der Verlust des Anderen hat sich verinnerlicht, das Leben hat sich verändert, die Erinnerung bleibt. Heute ist diese Zeit abgeschlossen. Die Rekonstruktion nach 12 Jahren eröffnet der Solistin wie auch den Betrachtern die Möglichkeit, „One more than one“ aus heutiger Sicht, in einem neuen Kontext, wahrzunehmen.

Für ihr Lebenswerk hat Riki von Falken vor Kurzem den Willms Neuhaus Preis der gleichnamigen Stiftung erhalten.

An der Realisierung der Vorstellung beteiligten sich Ralf Grüneberg (Licht/Ton), Conrad Katzer (Technik), Chris Kremberg (Kostüm) und Tania Hertling (Foto). Für die künstlerische Produktionsleitung zeichnete Katja Kettner.

Die Veranstaltung wurde durch das Nationale Performance Netz Gastspielförderung Tanz International aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags gefördert und fand mit Unterstützung des Goethe-Instituts und des Auswärtigen Amtes statt.

Allgemeine Deutsche Zeitung Temeswar

 

 

 

Selbstmaßnahme Franz Anton Cramer

Riki von Falken vollendet in Berlin ihre Abschiedstrilogie

Der erste Teil von Riki von Falkens Trilogie über das Abschiednehmen hatte nichts Helles gekannt in der Gestaltung von Schmerz und Unruhe. Jetzt ist das kahle, nach hinten leicht verengte Kabinett wenigstens rückwärtig mit weiß schimmernder Folie ausgehängt.

Nach der Verstörung findet von Falken in "One more than one" wieder eine Horizontlinie. Durchzogen von Erinnerungen an die Vorläuferstücke "White Linen" und "Wach", tastet sie sich ... in ein von Gelassenheit und Selbstvergewisserung geprägtes neues Leben zurück.
Mit rasant artikulierten mechanischen Armbewegungen, die wie Motorenteile vor und hinter dem Körper schlagen, zeigt sie sich zuerst auf der Bühne des Theaters am Halleschen Ufer: angewurzelt noch, aber bereits durchdrungen vom Wunsch, weiterzukommen, sich den Raum anzueignen. Und immer wieder steht sie still, lässt ihre Hände am Körper entlanggleiten, wie um sich selbst zu finden, sich ihrer Grenzen zu vergewissern. Manchmal ist das eine Geste der Zärtlichkeit, meist aber drückt sich darin eher ein Staunen aus. Solche behutsamen Selbstumschlingungen bilden ein wiederkehrendes Motiv. Damit kontrastieren die Gänge und Läufe, angetrieben zumeist von kantigen Kompositionen Steve Reichs, Heiner Goebbels und Beat Furrers. Oft findet die Fortbewegung zu triumphierenden, befreiten Posen, Balancefiguren von bisweilen balletthaft kristalliner Strenge. Und immer öfter blitzt mit einer kokett geknickten Hüfte, einer weit ausgestellten Schrittfigur in der Diagonale so etwas wie Heiterkeit, ja Frivolität auf.

Von Falken gelingt es, mit klassizistischer Formstrenge eine ganze Lebenserzählung zu komponieren. Einmal hält sie Handflächen und Unterarme bergend, aber auch verschließend vors Gesicht. In einer beiläufigen, doch klar geführten Gebärde nimmt sie die Sperre beiseite und öffnet gleichsam ihrem Blick ein Fenster zur Welt – und dem Publikum eines auf sich selbst. Immer wieder ringt sie der Bewegung dergestalt das Maß ab und den grenzenlosen inneren Empfindungen einen klaren Gestaltmoment. Geistesgegenwart und Gefühlstiefe verbinden sich zu einer skulpturalen Anmutung, deren Fluß doch immer wieder den Tanz im ganz emphatischen Sinn als freudvolle Geste zelebriert – 'One more than one' markiert Vollendung und Neubeginn gleichermaßen.

tanzjournal 04/03


Das Gewicht der Erinnerung Konstanze Klementz

Die schmale Frauengestalt steht uns abgewandt, schaut nach hinten, wie um noch einen Moment bei sich selbst zu sein, ehe sie ihr Inneres öffnet. Ihr schlichter Rock ist lindgrün: Es gibt Hoffnung. Zu Beginn von 'One more than one', das eine Solo-Trilogie beschließt, ruft sich Riki von Falken die ersten beiden Schritte auf dem mühsamen Weg von einer alles verändernden Verlusterfahrung zurück ins Leben körperlich in Erinnerung. Sie tanzt Motive aus 'White Linen' und 'Wach'. Steif und rastlos pendeln die Arme eng um den Körper wie ein rotierender Schutzschild, der seine Durchlässigkeit mit Tempo zu kompensieren versucht.
Dann ein Innehalten: Zögerlich fahren die Hände am Oberkörper entlang, greifen nach etwas, das nicht mehr zu fassen ist, umfangen den Nacken wie einen Fremden – eine Umarmung, die lindert.
War das persönliche Erleben der Ausgangspunkt für von Falkens zarte, aber ungemein kraftvolle Arbeit, so findet die Choreografie auch in 'One more than one' wieder zu kühlem, formstarken Ausdruck, der jeder Reduzierung auf das Private widersteht. Es ist entscheidend, dass die 46-jährige Tänzerin in kurzer Folge ihren Mann, den Berliner Bildhauer Günter Anlauf, der nach schwerer Krankheit und einem 180 Tage dauernden Aufenthalt auf der Intensivstation gerade wieder genesen schien, und ihre Mutter verlor. Und es tut zugleich nichts zur Sache. Denn was die Trilogie uns über Todesängste und unermüdliches Hoffen, über Selbstverlust und heilsame Stille erzählt, geht über das Einzelschicksal hinaus.
Nach dem plötzlichen Herausfallen aus dem Leben und seiner ersten, zögerlichen Wiederentdeckung, findet von Falken in 'One more than one' zur Musik von Steve Reich, Heiner Goebbels und Beat Furrer zu einer neuen, schüchternen Leichtfertigkeit. Manchmal wirkt die reife Tänzerin wie ein Mädchen, das der Logik von Geburt und Tod die eigene, suchende Flüchtigkeit mal trotzig, mal gelöst entgegenstellt. Zäh stemmt sich ihr Körper in den Boden, pumpen die vor der Brust angewinkelten Arme Energie wie ein Insekt neue Kraft zum Fliegen. Ein unsicherer Blick in den Spiegel der eigenen Handfläche, dann wieder selbstbewusst nach vorn, direkt ins Publikum. Das Gewicht der Erinnerung, das sie anfangs noch aus der Balance brachte, ist nach einer geballten Dreiviertelstunde ein Teil von ihr. Und die Selbstumarmung, der wohltuende, aber unehrliche Trost, nicht mehr notwendig. Berliner Morgenpost 26.04.2003